Eine Stadt in fremden Händen?

Früher einst ein Nukleus der Gemeinschaft, so Ulrich Möbius von der Bürgerinitiative
„Gemeinschaftsamt“ – Heute eine Mischung aus einer Ansammlung von Ketten, eilenden
Menschen und stetig unverblümt auftretenden Leerständen. Was ist das für ein
Rhythmus, welcher aktuell in der halleschen Innenstadt schlägt – und vor allem wer
bestimmt eigentlich das Tempo?

Ich sitze auf einer der wenigen Bänke am Marktplatz. Für mich als Studierender in Halle
an der Saale ist das eher ungewöhnlich. Wenn man Zeit verbringen möchte, dann geht
man z.B. an den August-Bebel Platz oder im Sommer an die Peißnitz. Die Innenstadt
hingegen dient gewöhnlich eher als ein Ort, den man durchquert, um Dinge zu erledigen.

Heute ist Karfreitag. All die sonst so tüchtigen Geschäfte sind geschlossen. Neben
einigen Passanten, die über den weitläufigen Platz schlendern, sammelt sich das Treiben
an diesem Tag vor allem im neuen italienischen Restaurant, das im März in einem der drei
ehemaligen Galeria-Kaufhof-Komplexe neu eröffnet hat. Ich überlege kurz, ob ich mich
von meiner Bank wegbewegen soll, jedoch mit Blick auf den studentischen Geldbeutel,
entscheide ich mich dafür zu Hause zu essen. Ich lasse meinen Blick weiter schweifen.
Neben der wachenden Händelstatue bemerke ich eine Zeichnung, welche den sonst sehr
grautönigen Marktplatzboden bunt verziert und ein paar Menschen zum Anhalten einlädt.
Ich trete näher an die Zeichnung heran. Ein zackiges, gesellschaftskritisches Zitat sticht
mir ins Auge – Groß daneben ein alter sicherlich weiser Mann in zweifelnder Pose. Für
einen Moment bleibe ich stehen, dann gehe ich tatsächlich auch wieder schon zur
Bahnhaltestelle. Viel hält mich an diesem Ort nicht. Auf dem Weg nach Hause gehen mir
einige Gedanken durch den Kopf. Was für ein Raum ist diese Innenstadt eigentlich?
Meistens wirkt sie funktional, kommerzialisiert. Eine Kette reiht sich an die nächste,
dazwischen Leerstand. Ist das ein Ort, an dem man gerne Zeit verbringt? Oder ist das in
diesem Fall die falsche Frage?

Zeichnung auf dem Marktplatz (eigene Aufnahme)

Ich treffe mich mit Ulrich Möbius. Er engagiert sich seit vielen Jahren in Halle (Saale) für das Thema „dritte Orte“, sprich Orte, die weder die Arbeit noch das Zuhause sind. Aktuell ist er im Vorstand der Bürgerinitiative „Gemeinschaftsamt“ tätig.

Diese versucht die ehemalige Stasi-Zentrale in Halle-Neustadt dem Land Sachsen-Anhalt abzukaufen, damit dort ein Kulturquartier entstehen kann. Im Gespräch wird schnell klar, dass zwar meine Zweifel an der Lebendigkeit der Innenstadt treffend sind, sich dahinter jedoch eine weitaus größere Problematik verbirgt.

Gemeinschaftsamt am Gimritzer Damm Halle (Bildrechte: Ulrich Möbius)

Mit Blick auf die kürzlich erfolgte, notgedrungene Schließung des Südstadt-Centers lässt
sich diese Problematik sinnbildlich erkennen: Der Eigentümer hatte die
Brandschutzvorschriften nicht eingehalten, weshalb das Center schließen musste. Für
die tausenden Menschen im Viertel, die täglich darauf angewiesen waren, ist dies ein
harter Einschnitt. Aufgrund ihres beschränkten Einflusses kann die Stadt jedoch nur
reaktionär agieren. Der aktuelle Ausblick: Ein kleinerer Neubau, fertiggestellt in zwei
Jahren.

Möbius führt aus, dass angesichts gesellschaftlicher Trends wie der Vereinsamung und dem Boom des Online-Shoppings überlegt werden muss, wie Innenstädte attraktiv bleiben können. Die Förderung von „dritten Orten“ sei dabei entscheidend. Ein solcher Transformationsprozess vollzieht sich jedoch nicht von selbst. Insbesondere nicht, wenn wie in Halle viele Immobilien im Besitz von privaten Eigentümer*innen sind, die primär an ihrem Profit und nicht an der Zukunft Halles interessiert sind.

Das Negativbeispiel des Südstadt – Center zeigt, wie wichtig die Frage nach den
Eigentumsverhältnissen der städtischen Räume in Halle ist. Möbius empfiehlt der Stadt
in diesem Zusammenhang sog. Erbbaupachtverträge, bei denen eine Immobilie an einen
privaten Eigentümer lediglich für ein bestimmten Zeitraum überschreiben wird. In Halle
wurden solche Verträge bisher, noch nicht abgeschlossen, auch wenn Städte wie
München oder Ulm bspw. positiv voranschreiten. Kritisch merkt Möbius außerdem an,
dass Eigentümer oftmals in Halle von weit weg ihre Immobilien verwalten und somit
keinen Einblick darüber haben, was aktuell notwendig wäre. Keinesfalls ist der heutige
Zustand aber ein Zufallsprodukt. Ein Blick in die Jahre nach der Wende verrät, dass eine
Vielzahl von Immobilien aus finanzieller Not an Höchstbietende verkauft wurden. Dabei
wurde unzureichend darauf geachtet, was mit den Immobilien geschehen soll.

Doch wie lässt sich die Situation verändern? Möbius hat bereits betont, dass
Erbbaupachtverträge ein möglicher Ansatz sind. Ebenso müsse die Stadt proaktiver auf
Eigentümer*innen zugehen. Gleichzeitig lässt sich die Frage nach der Zukunft des
städtischen Raums nicht allein auf die Stadtpolitik abwälzen. „Ja wer ist Halle? Ich bin
auch Halle“, sagt Möbius scherzhaft, aber bestimmt. Eine Veränderung könne folgend
auch durch ein aktives Engagement der halleschen Zivilgesellschaft erzielt werden – etwa
indem Immobilien bewusst dem Markt entzogen werden, so wie es aktuell die
Bürgerinitiative versucht.

Ich bin wieder auf dem Marktplatz. Ich erinnere mich an das Gespräch. In den damaligen
Diskussionen über die Zukunft des Galeria-Kaufhofs schlug Möbius vor, dort eine
Stadtbibliothek einzurichten. Wie das wohl gewesen wäre? Menschen, die sich setzen
und ein Buch aufschlagen. Ich verweile noch ein paar Minuten in Gedanken und fange
dabei an einen ganz neuen, anderen Marktplatz zu entwerfen…